Björn

Anmeldungsdatum: 16.01.2004 Beiträge: 1801 Wohnort: Obertshausen
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Verfasst am: Mo Jun 20, 2005 2:36 pm Beitrag speichern Titel: Das Passieren der Guard Position |
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Das Passieren der Guard Position
Die Guard Position stellt innerhalb des Brazilian Jiu Jitsu, bzw. fast allen Grappling Stilen, eine Schlüsselposition dar. Wer es schafft die Guard des Gegners zu passieren und in die Side Mount, Mount oder Back Mount Position zu gelangen, kann den Kampf aus einer relativ überlegenen Position weiterführen. Umgekehrt ist die Gefahr von einem am Rücken liegenden Gegner gewürgt oder gehebelt zu werden, am größten, wenn man sich in der gegnerischen Guard befindet.
In diesem Artikel möchte ich ihnen einmal die grundlegenden Prinzipien vorstellen, die man benötigt, um sicher und effektiv die Guard Position des Gegners zu passieren. Außerdem stelle ich einige Strategien und Alternativen zum passieren der Guard Position vor und erkläre die häufigsten Fehler.
Was macht man wenn man sich während eines Kampfes in der Beinumklammerung seines Gegners wieder findet? “Ganz einfach man “bricht” die Beine auf, springt darüber und endet in der Side Mount Position.“ Auch wenn man dieses Statement oft liest wird es dadurch nicht richtiger. Das passieren der Guard Position ist weitaus komplexer und solch eine “Formel” gleicht wohl dem Satz “einfach Gas geben und Lenkrad festhalten” wenn man nach einer detaillierten Beschreibung fürs Autofahren fragt.
Prinzip Nr. 1: Die Position des eigenen Körpers
Das Erste, was man tun sollte, wenn man sich in der Guard Position des Gegners befindet, ist den eigenen Körper und seine Extremitäten so zu positionieren, das der Gegner keine sofortige Möglichkeit hat, einen Hebel oder eine Würgetechnik anzusetzen. Durch die korrekte Positionierung des eigenen Körpers, nimmt man seinem Gegner die wichtigsten und schnellsten Angriffe, wie z.B. die Guillotine oder den Kimura. Man bringt eine gewisse Ruhe in den Kampf und hat nun die Möglichkeit seinen eigenen Angriff in Ruhe vorzubereiten.
Viele Hebel oder Würgegriffe aus der Guard Position funktionieren so gut, weil der Kämpfer der sich in der oberen Position befindet, die Guard schnell und hektisch passieren will, dabei achtet er nicht auf seine eigene Position und wird schnell Opfer eines Submissions. Diese Art des Kämpfens ist gerade bei Anfängern sehr verbreitet und verlangt einen Kampfstil der sehr stark körperliche Eigenschaften erfordert. Man versucht die Guard zu passieren, wird dabei vom Gegner angegriffen, kämpft sich aber trotzdem noch frei und endet manchmal in der Side Mount Position und manchmal eben in einem Submission, je nachdem wie stark der Gegner ist.
Intelligentes Jiu Jitsu basiert niemals auf körperlichen Eigenschaften, sondern ist immer an technischen Lösungen interessiert, natürlich spielen Kraft und Ausdauer eine Rolle, aber ein guter Kämpfer ergänzt lediglich seine Technik mit seinen körperlichen Eigenschaften, er ersetzt sie aber nicht dadurch.
Zurück zum Thema. Haben Sie schon mal mit einem BJJ Schwarzgurt Sparring gemacht? Ich hatte schon öfters die Gelegenheit und wenn ich meinen Lehrer Roy Harris in der Guard habe, fühle ich mich völlig eingeschränkt und mir ist es kaum möglich effektive Angriffe zu starten, obwohl sich mein Gegenüber kaum bewegt. Der Grund dafür liegt eben genau darin, dass ein guter Kämpfer weiß wie er seinen Körper zu positionieren hat.
Prinzip Nr. 2: Die Kontrolle der gegnerischen Hüfte
Wissen Sie was ein gestreckter Armhebel, ein Triangle Choke und ein “Scissor Sweep” gemeinsam haben? Wie fast alle Techniken aus der Guard Position kann man sie nur einsetzen, wenn man seine Hüften frei Bewegen kann, sobald diese Beweglichkeit eingeschränkt ist, sind die Möglichkeiten für einen Angriff aus der eigenen Guard minimal.
Ein guter Grappler wird daher nachdem er sich korrekt positioniert hat, immer die Hüfte seines Gegners kontrollieren und somit dessen Angriffsmöglichkeiten gering halten. Ein sehr guter Grappler geht sogar noch einen Schritt weiter und beobachtet mehr als das er kontrolliert. Er nutzt die Hüftbewegung seines Gegners aus um die Guard effektiver zu passieren. Dazu muß er aber genau verstehen was sein Gegner tut und in welcher Position sich der eigene Körper zum Körper des Gegners befindet. Diese Fähigkeit entwickelt man erst nach vielen Jahren bewusstem Training und lernt niemals aus.
Prinzip Nr. 3: Das öffnen der gegnerischen Beine
Dem öffnen der gegnerischen Beine, kommt eine besondere Bedeutung zu. Grundsätzlich gibt es zwei Arten die Umklammerung der gegnerischen Beine zu lösen:
a) Man öffnet die Guard des Gegners aktiv, indem man einen Hebel mit seinem Körper aufbaut und aus eigenem Antrieb heraus die Klammer löst.
b) Man öffnet die Guard passiv, indem man den Gegner lockt eine Technik anzusetzen, bei der er die Beine öffnen muss, sobald er das tut, kontert man den Angriff und passiert die Guard Position. Diese Methode erfordert gutes Timing und ein gutes Verständnis für die gegnerischen Techniken. Deshalb wird Sie von Anfängern eher selten benutzt. Fortgeschrittene Athleten nutzen sie aber wegen ihrer Effizienz sehr häufig.
Für das öffnen der Beine, gibt es, genau wie für das Passieren selber die verschiedensten Techniken, wer aber nicht versteht wie und wann er die verschiedenen Elemente in die Matrix des “Guard Passing” einfügt, wird nur langsam Fortschritte machen und sehr von seinen körperlichen Eigenschaften abhängig sein.
Prinzip Nr. 4: Das kontrollieren der gegnerischen Beine
Sobald man die Beine seines Gegners geöffnet hat muss man dafür sorgen dass dieser sie nicht wieder schließt. Gute Kämpfer lassen ihre Beine niemals lange neben dem Körper des Gegners, entweder Sie gehen wieder in die geschlossene Guard, oder wechseln in die offene oder Butterfly Guard. Aus diesem Grund ist es enorm wichtig, dem Gegner nicht zu erlauben seine Beine wieder zu schließen, dies erreicht man indem man seinen eigenen Körper entsprechend positioniert.
Prinzip Nr. 5: Das kontrollieren der Gegnerischen Hüfte
Um die gegnerische Guard Position sich zu passieren, muss man die Hüfte seines Gegners kontrollieren. Dadurch wird sein Bewegungsradius und somit seine Möglichen Bestrebungen die Guard zu erhalten, bzw. aus ihr anzugreifen, eingeschränkt.
Wer die Guard anders passiert, muss sich auf ungemütliche Überraschungen gefasst machen und der Erfolg seiner Bemühungen ist sehr stark von seinen eigenen körperlichen Eigenschaften abhängig. Diese Art zu kämpfen funktioniert nur auf einem relativ niedrigen Niveau, denn sobald man auf Kämpfer trifft die körperlich 100% Fit und austrainiert sind, kann man sich nicht mehr auf einen eventuellen physischen Vorteil verlassen.
Prinzip Nr. 6: Das Ankern des eigenen Gewichtes
Das ist der letzte Schritt der nötig ist, um die Guard Position erfolgreich zu überwinden. Nur wer nach dem überwinden (oder besser gesagt, während des Überwindes) der Guard Position nicht sofort sein Gewicht ankert und somit seine Position stabilisiert, kann leicht gekontert werden. Ein guter Kämpfer ist immer bemüht seine Position so schnell wie möglich zu stabilisieren. Denn der gefährlichste Moment (für einen guten Kämpfer, für schlechte ist alles gefährlich) in der Guard Position des Gegners ist nicht dann wenn man sich statisch in dieser Position befindet, sondern wenn man versucht sie zu überwinden und in eine andere Position zu wechseln.
Alternativen zum Überwinden der Guard:
Welche Alternativen gibt es wenn man sich in der gegnerischen Guard befindet? Gibt es überhaupt welche? Ich werde in diesem Artikel nur auf die grapplingspezifischen und nicht auf die MMA Alternativen eingehen und da gibt es eigentlich nur zwei:
Beinhebel:
Beinhebel stellen, von einem Experten ausgeführt eine wirkliche Alternative zum Passieren der Guard dar. Mein Lehrer Roy Harris ist nicht nur ein BJJ Schwarzgurt, sondern hat auch intensiv das russische Sambo, bzw. speziell die Beinhebel dieser Kampfkunst studiert und es ist wirklich unglaublich welche Kontrolle er hat und wie zerstörerisch diese Techniken sein können. Gerade bei Anfängern kann man leicht Beinhebel ansetzen, weil Sie kaum darauf achten ihre Beine korrekt zu positionieren. Ein erfahrener Grappler wird seine Beine nur selten neben den Hüften seines Gegners haben, denn erstens kann man in diese Position kaum Druck auf den Gegner ausüben und zweitens ist man eben anfällig für Beinhebel. Deshalb wechseln gute Kämpfer von der Closed Guard in die Butterfly oder Open Guard um ihren Gegner immer optimal zu beschäftigen. Ein großer Nachteil dieser Techniken liegt in ihrem hohen Verletzungsrisiko, aber nichts desto trotz sollte man Beinhebel kennen und lernen, denn für einen überraschenden Angriff oder auch Konter, sind sie sehr gut zu gebrauchen.
Trotzdem sollte man das Passieren der Guard zur wichtigsten Option werden lassen, denn zu oft wird ein Beinhebel gekontert und man verliert die obere Position und im Wettkampf vielleicht auch wichtige Punkte. Wenn man sich nur auf Beinhebel spezialisiert und das passieren der Guard vernachlässigt, entwickelt man einen ziemlich eindimensionalen Kampfstil. Man kann nie aus der Mount oder Side Mount Position arbeiten, weil man ja kaum an den Beinen eines guten Gegners vorbei kommt.
Wer allerdings ein Experte im Überwinden der Guard Position ist und dazu noch Beinhebel beherrscht, ist unglaublich schwer einzuschätzen und hat viele Angriffsmöglichkeiten.
Das Aufstehen aus der Guard:
Diese Taktik wird gerne von Ringern benutzt und funktioniert sehr gut, wenn man an einem Wettkampf mit Punkten und Zeitlimit teilnimmt. Wenn man seinem Gegner im Standkampf überlegen ist, kann man ihn werfen, sich dann innerhalb der Guard Position passiv verhalten und bei der nächsten Möglichkeit wieder aus der Guard aufstehen um wieder in den Standkampf zu gelangen. Der Nachteil dieser Taktik besteht darin, dass man sehr viel Körperkraft benötigt und den Gegner nicht wirklich besiegen kann, sondern nur auf Punkte spielt.
Zusammenfassend kann man sagen dass das Überwinden der Guard Position zu den komplexesten Abläufen innerhalb des Grappling gehört. Die Guard ist die Schlüsselposition, um einen Kampf zu entscheiden und man braucht Jahre um diese Position zu meistern.
Als Anfänger ist es enorm wichtig die grundlegenden Techniken korrekt zu erlernen, nur dann kann man später mit dem entsprechenden Timing, Aufmerksamkeit und einer guten Strategie, eine echte Fähigkeit entwickeln. Alles andere führt nur zu einem Kampfstil der extrem von den eigenen körperlichen Eigenschaften abhängig ist und mit dem man kaum sein volles Potential an kämpferischen Fähigkeiten entwickeln kann.
Björn Friedrich
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